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Untersuchung der Auswirkungen von Blitzeinschlägen auf an Übertragungsnetze angeschlossene Solarparks

Analyse blitzinduzierter Überspannungen in netzgekoppelten Solaranlagen, Bewertung der Wirksamkeit von Überspannungsableitern mittels EMTP-Simulationen und Spektralanalyse.
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1. Einleitung

Die rasche Integration großer solarthermischer Photovoltaik(PV)-Anlagen in Hochspannungsübertragungsnetze führt zu neuen Anfälligkeiten gegenüber Netzstörungen, insbesondere Blitzeinschlägen. Diese Arbeit untersucht die Ausbreitung blitzinduzierter Überspannungen von Übertragungsleitungen zu angeschlossenen Solarparks – ein kritisches Thema angesichts der geografischen Überschneidung von Regionen mit hoher Sonneneinstrahlung und hoher Blitzaktivität. Die Studie nutzt Simulationen mit dem Electromagnetic Transients Program (EMTP) zur Systemmodellierung und bewertet die Wirksamkeit von Überspannungsableitern als primäre Schutzmaßnahme.

Kernaussagen

  • Blitzeinschläge auf Übertragungsleitungen können schwere Überspannungen am gemeinsamen Kopplungspunkt (PCC) von Solarparks induzieren.
  • Die Anfälligkeit wird durch lange Kabelstrecken und empfindliche Leistungselektronik (Wechselrichter) innerhalb von PV-Anlagen verstärkt.
  • Standard-Schutzstrategien, die für konventionelle Erzeugung entwickelt wurden, können für dezentrale, wechselrichterbasierte Ressourcen wie Solar unzureichend sein.

2. Methodik & Systemmodellierung

Die Forschung basiert auf einer simulationsgestützten Methodik unter Verwendung der industrieüblichen EMTP-RV-Software zur präzisen Modellierung elektromagnetischer Transienten.

2.1 EMTP-Simulationsframework

Das gesamte System – bestehend aus der Übertragungsleitung, dem Sammelnetz des Solarparks, Transformatoren und Überspannungsschutzgeräten – wurde in EMTP modelliert. Dies ermöglicht eine Zeitbereichsanalyse von schnell ansteigenden Überspannungen mit Nanosekunden- bis Mikrosekunden-Auflösung.

2.2 Blitz- & Solarparkmodell

Der Blitzkanal wird mit der Heidler-Stromquellenfunktion modelliert, einem Standard zur Darstellung des Kanalstroms: $i(t) = \frac{I_0}{\eta} \frac{(t/\tau_1)^n}{1+(t/\tau_1)^n} e^{-t/\tau_2}$. Die Parameter $I_0$ (Spitzenstrom), $\tau_1$ (Anstiegszeit) und $\tau_2$ (Abfallzeit) wurden variiert. Der Solarpark wurde als aggregiertes Ersatzschaltbild modelliert, einschließlich Gleichstromkabel, Wechselrichter und Hochspannungstransformatoren.

2.3 Konfiguration der Überspannungsableiter

Überspannungsableiter auf Metalloxid-Varistor(MOV)-Basis wurden an Schlüsselpositionen modelliert: am Mast der Übertragungsleitung nahe dem Einschlagpunkt und am Hauptwechselstromanschlusspunkt des Solarparks. Ihre nichtlineare U-I-Kennlinie ist gegeben durch $i = k \cdot V^{\alpha}$, wobei $k$ und $\alpha$ Gerätekonstanten sind.

3. Simulationsszenarien & Parameter

3.1 Variation der Blitzparameter

Die Simulationen deckten einen Bereich realistischer Blitzparameter ab:

  • Spitzenstrom (Ip): 10 kA bis 100 kA (repräsentativ für negative und positive Blitze).
  • Anstiegszeit (tf): 1 µs bis 10 µs.
  • Abfallzeit (tt): 20 µs bis 200 µs.
Diese Matrix ermöglicht die Bewertung der Auswirkungen sowohl schneller, hochstromstarker als auch langsamerer, länger andauernder Ereignisse.

3.2 Einschlagdistanz-Szenarien

Blitzeinschläge wurden in unterschiedlichen Entfernungen (z.B. 0,5 km, 1 km, 2 km) vom Netzanschlusspunkt des Solarparks entlang der Übertragungsleitung simuliert. Es wurden sowohl direkte Einschläge in den Phasenleiter (Abschirmversagen) als auch Rücküberschläge aufgrund von Masteneinschlägen berücksichtigt.

4. Ergebnisse & Analyse

4.1 Analyse der Überspannungshöhe

Die primäre Kenngröße war die Höhe der transienten Überspannung an der Wechselstromschiene des Solarparks. Ohne Überspannungsableiter überschritten die Überspannungen bei Einschlägen innerhalb von 1 km häufig 3,0 p.u. (per unit) der Nennspannung des Systems und stellten damit ein schwerwiegendes Risiko für die Isolierung der Wechselrichter dar. Die Überspannungswellenform ist eine Überlagerung der eintreffenden Welle und von Reflexionen innerhalb des internen Kabelnetzes der Anlage.

Diagrammbeschreibung (fiktiv): Ein Liniendiagramm würde die Überspannung (p.u.) auf der Y-Achse gegenüber der Blitzeinschlagdistanz (km) auf der X-Achse zeigen. Zwei Linien wären eingezeichnet: eine (rot, steil abfallend) für das Szenario ohne Ableiter, die hohe Spannungen bei kurzen Distanzen zeigt; und eine andere (blau, flacher) für das Szenario mit Ableitern, die deutlich begrenzte Spannungen über alle Distanzen zeigt.

4.2 Fourier- & Hilbert-Spektrumanalyse

Über die Zeitbereichshöhe hinaus führte die Studie eine Spektralanalyse durch.

  • Fourier-Transformation: Zeigte die dominanten Frequenzkomponenten der Überspannung. Ohne Ableiter war die Energie in hochfrequenten Bändern (100 kHz - 1 MHz) konzentriert, die besonders schädlich für Halbleiterbauelemente sind. Mit Ableitern verschob sich das Spektrum zu niedrigeren Frequenzen.
  • Hilbert-Huang-Transformation (HHT) / Randspektrum: Diese Zeit-Frequenz-Analyse gab Einblick, wie sich die Energieverteilung während des transienten Ereignisses entwickelte, und zeigte den nicht-stationären Charakter der Überspannung sowie den dynamischen Begrenzungseffekt des Ableiters.

4.3 Leistung der Überspannungsableiter

Die Überspannungsableiter zeigten eine hohe Wirksamkeit und begrenzten die Überspannungen typischerweise auf unter 1,8 p.u., ein Wert, der im Allgemeinen innerhalb der Stoßspannungsfestigkeit moderner PV-Wechselrichter liegt (typischerweise für 2,0-2,5 p.u. für kurze Dauer ausgelegt). Der Energieabsorptionsbedarf der Ableiter wurde quantifiziert, was für die korrekte Dimensionierung entscheidend ist.

Reduktion der Spitzenüberspannung

> 40%

Durchschnittliche Reduktion bei installierten Ableitern

Kritische Einschlagdistanz

< 1 km

Einschläge in diesem Bereich verursachen das höchste Risiko

5. Technische Details & Mathematische Formulierung

Der Kern des EMTP-Modells basiert auf der Lösung der Telegrafengleichungen für die Übertragungsleitung, gekoppelt mit nichtlinearen Komponentenmodellen:

  • Übertragungsleitung (frequenzabhängiges Modell): Gelöst mit der Methode der Charakteristiken: $\frac{\partial v}{\partial x} + L' \frac{\partial i}{\partial t} + R' i = 0$ und $\frac{\partial i}{\partial x} + C' \frac{\partial v}{\partial t} + G' v = 0$.
  • Überspannungsableiter (MOV)-Modell: Die stückweise nichtlineare Kennlinie wird oft mit dem $\alpha$-$k$-Modell oder dem dynamischeren Pinceti-Giannettoni-Modell zur Energieverfolgung implementiert.
  • Wechselrichterimpedanz: Die hochfrequente Impedanz des PV-Wechselrichters, entscheidend für die Überspannungsteilung, wurde basierend auf typischen Filterdesigns als paralleler RLC-Schwingkreis modelliert.

6. Analyseframework: Fallstudie

Szenario: Ein 100-MW-Solarpark, angeschlossen an eine 230-kV-Übertragungsleitung über einen 230/33-kV-Hochspannungstransformator. Ein Blitz mit Ip = 50 kA, tf = 2 µs trifft einen Mast in 0,8 km Entfernung und verursacht einen Rücküberschlag.

Framework-Anwendung:

  1. Modellaufbau: Aufbau des EMTP-Modells mit detaillierten Leitungsdaten, Mastfußwiderstand (50 Ω) und interner Anlagenimpedanz.
  2. Basissimulation (ohne Schutz): Simulation durchführen. Überspannung am PCC aufzeichnen (~3,5 p.u., dominante Frequenz 0,5 MHz).
  3. Minderungssimulation (mit Ableitern): Platzierung von Ableitern am getroffenen Mast und am PCC. Erneute Simulation. Begrenzte Spannung aufzeichnen (~1,7 p.u., dominante Frequenz < 100 kHz).
  4. Energieberechnung: Berechnung der vom PCC-Ableiter absorbierten Energie mit $W = \int v(t) \cdot i_{arrester}(t) dt$, um zu überprüfen, dass seine Nennwerte nicht überschritten werden.
  5. Empfindlichkeitsanalyse: Variation von Fußwiderstand und Anlagenimpedanz, um die Auswirkung auf die Überspannung zu sehen.
Dieser strukturierte Ansatz isoliert Variablen und quantifiziert den Nutzen des Schutzes.

7. Anwendungsausblick & Zukünftige Richtungen

Die Ergebnisse haben direkte Anwendungen im Design und in den Netzanschlussregeln für große Solaranlagen:

  • Erweiterte Netzanschlussregeln: Übertragungsnetzbetreiber (TSOs) wie PJM oder ENTSO-E könnten spezifische Überspannungsschutzstudien und Ableiterspezifikationen für netzgekoppelte PV-Anlagen in blitzgefährdeten Gebieten (KERA) vorschreiben.
  • Intelligenter Überspannungsschutz: Zukünftige Systeme könnten IoT-fähige Ableiter integrieren, die ihren eigenen Zustand und Energieabsorption überwachen und mit der Anlagen-SCADA zur vorausschauenden Wartung kommunizieren.
  • Hybride Schutzschaltungen: Die Kombination traditioneller MOV-Ableiter mit neuen Technologien wie reihengeschalteten Fehlerstrombegrenzern (SFCL) oder aktiven Begrenzerschaltungen auf Basis von Breitbandlücken-Halbleitern könnte überlegenen Schutz mit schnellerer Reaktion bieten.
  • Digital Twin-Integration: Die in dieser Forschung entwickelten EMTP-Modelle können die Grundlage für einen digitalen Zwilling für operative Solarparks bilden und eine Echtzeit-Risikobewertung während Gewittern unter Verwendung von Daten aus Blitzerkennungsnetzwerken (z.B. von Vaisalas GLD360 oder Earth Networks) ermöglichen.

8. Referenzen

  1. Grebovic, S., Aksamovic, A., Filipovic, B., & Konjicija, S. (2025). Untersuchung der Auswirkungen von Blitzeinschlägen auf an Übertragungsnetze angeschlossene Solarparks. Zur Veröffentlichung bei IPST2025 eingereichtes Papier.
  2. IEEE Std 1410-2010: IEEE-Leitfaden zur Verbesserung des Blitzschutzes von Freileitungen in Verteilnetzen.
  3. CIGRE WG C4.408. (2013). Blitzschutz großer Windturbinenflügel. (Bietet relevante Methodik für erneuerbare Energieanlagen).
  4. Martinez, J. A., & Walling, R. A. (2013). EMTP-Modellierung von wechselrichterbasierten Ressourcen für dynamische Netzstudien. IEEE Transactions on Power Delivery.
  5. Vaisala. (2023). Jahresbericht Blitzaktivität 2022. [Online]. Verfügbar: https://www.vaisala.com
  6. Isola, G., et al. (2020). Fortschrittliche Überspannungsableitermodelle für schnelle Transientensimulationen in EMTP. Electric Power Systems Research.

9. Analystenperspektive: Kernaussage & Kritik

Kernaussage

Dieses Papier identifiziert korrekt eine kritische, jedoch oft unterschätzte Bruchlinie in der Energiewende: den inhärenten Konflikt zwischen optimaler Standortwahl für Erneuerbare und Netzresilienz. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Regionen mit dem höchsten Solarertrag (Sonnengürtel) häufig mit hohen Isokeraunischen Werten (Gewittertage pro Jahr) zusammenfallen. Dies ist kein geringfügiger Zufall; es ist ein grundlegendes Standortdilemma. Die Forschung verschiebt effektiv die Betrachtung von Solarparks als passive, unkritische Lasten hin zur Anerkennung als aktive, verwundbare Netzknoten, die netzinduzierte Transienten importieren und verstärken und damit ihre eigene teure Leistungselektronik – die Wechselrichter als Achillesferse – gefährden.

Logischer Aufbau

Die Logik des Papiers ist robust und folgt einem klassischen ingenieurwissenschaftlichen Risikobewertungspfad: Gefahrenidentifikation → Systemmodellierung → Folgensimulation → Bewertung von Gegenmaßnahmen. Es beginnt mit der plausiblen Gefahr (Blitz auf der Übertragungsleitung), modelliert deren Ausbreitung durch das komplexe RLC-Netzwerk aus Leitungen und Anlagenverkabelung (unter Verwendung des industrievalidierten EMTP-Tools), quantifiziert die schädigende Folge (Überspannung, die die Stoßspannungsfestigkeit des Wechselrichters überschreitet) und testet schließlich ein Standard-Gegenmittel (Überspannungsableiter). Die Einbeziehung sowohl der Fourier- als auch der Hilbert-Huang-Transformationsanalyse fügt eine wertvolle Ebene hinzu, die über die einfache Spitzenspannung hinausgeht, um das Frequenzbereichsprofil der Bedrohung zu verstehen, was für die Halbleiterhaltbarkeit relevanter ist.

Stärken & Schwächen

Stärken: Die methodische Strenge ist lobenswert. Die Verwendung von EMTP, dem Goldstandard für Transientenstudien, verleiht sofort Glaubwürdigkeit. Die Parametervariation (Strom, Distanz) bietet eine nützliche Empfindlichkeitsanalyse. Der Fokus auf die Spektralanalyse geht über viele rein zeitbereichsbasierte Studien hinaus.

Kritische Schwächen & Verpasste Chancen:

  • Ökonomische Blindstelle: Die Studie endet bei der technischen Wirksamkeit. Eine eklatante Auslassung ist eine Kosten-Nutzen-Analyse. Wie hoch sind die CAPEX/OPEX des empfohlenen Überspannungsschutzes im Vergleich zum Risiko eines Wechselrichterausfalls (der Millionen kosten und monatelange Stillstandszeiten verursachen kann)? Ohne dies fehlt den Empfehlungen die Handlungsrelevanz für Anlagenentwickler.
  • Statische Modellierung: Der Solarpark wird als passives Aggregat modelliert. In Wirklichkeit steuern Wechselrichter aktiv Spannung und Frequenz. Unter einer schnellen Überspannung können ihre Regelkreise unvorhersehbar mit dem transienten Ereignis interagieren und es möglicherweise verschlimmern oder mildern. Diese dynamische Wechselrichterreaktion wird ignoriert, eine Vereinfachung, die die realitätsnahe Genauigkeit einschränkt, wie in dynamischen Studien von Martinez & Walling festgestellt.
  • Single-Point-of-Failure-Denken: Die Lösung ist zentralisiert (Ableiter am PCC). Sie vernachlässigt das Potenzial für eine verteilte Tiefenverteidigungsstrategie: koordinierte Ableiter an den DC-Combiner-Boxen, Wechselrichter-AC-Anschlüssen und Transformatoranschlüssen, was in modernen Anlagendesigns zum Schutz der gesamten Energieumwandlungskette üblich ist.

Umsetzbare Erkenntnisse

Für Versorger, Entwickler und OEMs:

  1. Standortspezifische Transientenstudien vorschreiben: Netzanschlussvereinbarungen für PV-Anlagen >20 MW in blitzgefährdeten Gebieten müssen eine detaillierte EMTP-Studie wie diese erfordern, nicht nur eine Standard-Compliance-Checkliste. Dies sollte bei Gremien wie dem IEEE PES befürwortet werden.
  2. „Erneuerbaren-optimierte“ Ableiterspezifikationen entwickeln: MOV-Ableiternormen (IEEE C62.11) sind allgemein gehalten. Wechselrichterhersteller und Ableiterproduzenten sollten zusammenarbeiten, um optimierte U-I-Kennlinien und Energiebelastbarkeiten für die einzigartigen Wellenformen und Betriebszyklen in PV-Anwendungen zu definieren.
  3. Blitzdaten in die Anlagen-SCADA integrieren: Nutzung von Echtzeitdaten von Diensten wie Vaisala, um einen betrieblichen Gewittermodus zu implementieren. Wenn eine Gewitterzelle innerhalb von 10 km ist, könnte die Anlage vorübergehend die Leistung reduzieren oder gegebenenfalls inselbetriebsfähig schalten, um das Risiko zu verringern – eine Form der betrieblichen Resilienz, inspiriert von Grid-Edge-Intelligenz-Konzepten.
  4. Forschung zu aktiver Begrenzung finanzieren: Die Industrie sollte in F&E für Schutzmaßnahmen mit SiC/GaN-Bauelementen investieren, die Spannungen innerhalb von Mikrosekunden aktiv begrenzen können und damit schnelleren und präziseren Schutz als passive MOVs bieten, ähnlich wie fortschrittliche Treiber die Leistungselektronik in anderen Bereichen revolutioniert haben.
Zusammenfassend ist dieses Papier ein wichtiger Weckruf, der die Problemdefinition präzise trifft, sie aber nur teilweise löst. Sein wahrer Wert liegt darin, die grundlegenden Simulationsnachweise zu liefern, die erforderlich sind, um ganzheitlichere, wirtschaftlich fundierte und technologisch fortschrittlichere Schutzstandards für das solardominierte Netz von morgen voranzutreiben.